Heute liegt ein langer Tag vor mir. Lang, wenn ich in bis Sonntag in Istanbul sein will. Aufgrund dessen stehe ich bereits um 4:00 auf. Es ist noch völlig dunkel und vor allem eiskalt.

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Mit der Kälte hatte ich gar nicht gerechnet. Am Vortag war es über 30° warm gewesen und jetzt friere ich mir meine Finger ab. Gottseidank wärmt es sich mit Sonnenaufgang alsbald auf.

Um in die Türkei zu kommen, muss ich noch einen 30 Kilometer langen Abstecher nach Griechenland machen. Zum Glück ist an der Grenze kaum etwas los. Zu mindestens auf meiner Seite. Auf der entgegengesetzten Fahrbahn stehen die Autos Schlange, darunter viele mit deutschem Kennzeichen. Wahrscheinlich Rückreiseverkehr.

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Die 30 Kilometer in Griechenland friste ich auf einer Autobahn. Als ich diese ca. zur Hälfte hinter mir habe, sehe ich eine Menschengruppe auf einer Landstraße neben der Autobahn.

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Mir wird schnell klar, dass es Flüchtlinge sind. Als sie auf meine Höhe gelangen, spricht mich ein Mann in ausprochen gutem Englisch an. Auf seinem Arm hält er ein Baby. Er frägt, ob es da nach Bulgarien ginge und zeigt in die Richtung , aus der ich gekommen bin. Ich bejahe dies, woraufhin freudige Erleichterung durch die Gruppe geht. Er bittet noch nach Wasser, woraufhin ich ihm eine meiner Flaschen über einen Zaun, der uns trennt, werfe. Danach gehen sie weiter. Die nächsten Kilometer mache ich mir Gedanken darüber, woher sie wohl kamen und wie es wohl sein muss, aus der Heimat fliehen zu müssen. Wie würde ich in ihrer Situation damit umgehen und wieso kann ich mich so glücklich schätzen, es nicht zu müssen? Und werden sie in Europa eine bessere Zukunft finden?

An der türkischen Grenze gibt es zum ersten Mal eine Warteschlange in meiner Richtung. Aber zum Glück habe ich ja ein Fahrrad! Mit dem schlängele ich mich zwischen den Autos durch und Schwups, werden aus ein paar Stunden Wartezeit 15 Minuten. Von dem Grenzkontrolleur werde ich gefragt, wie meine weiteren Reisepläne aussehen. Als ich „Iran“ sage, hört er auf: „What? Why do you want to go to Iran?“ Vielleicht hätte ich das besser nicht gesagt. Ich erkläre schnell, dass ich durch das Land nur durchreisen muss, auf meinem Weg nach Thailand. Er tuschelt kurz mit seinen Kollegen, dann bekomme ich endlich meinen Stempel. Mein Gepäck wird noch kurz kontrolliert und als alles okay ist, darf ich weiterfahren.

Nach ca. 30 Minuten komme ich nach Edirne, einer etwas größeren Stadt. Und hier erfolgt etwas, was ich gar nicht erwartet hätte: mein erster Kulturschock. Über dem Stadtbild ragen zahlreiche Minarette, in Abständen erschallt von dort der Gebetsaufruf des Muezzin, die Straßen sind wahnsinnig voll und Mopeds drängeln sich zwischen den Autos durch, am Straßenrand wird Cay getrunken und vor allem die grundlegende Stimmung ist eine ganz, ganz andere. Der Schock hält aber nur kurz, für ca. eine Stunde. Ersetzt wird er von einer Neugier.

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Auf der D100 fahre ich aus der Stadt raus. Sie ist wahnsinnig stark befahren. Viele Radtouristen fahren auf ihr nach Istanbul. Ich habe mich aber dazu entschieden, die D020 zu nehmen. Auf ihr will ich heute bis nach Kirklareli kommen. Wie sich herausstellt ein sehr ambitioniertes Ziel. Die Straße geht die ganze Zeit über steil bergauf oder bergab. 70 Kilometer lang. Und ich habe bereits 60 Kilometer in den Beinen. Der Tag wird zum härtesten Tag meiner Tour, vor allem die letzten 30 Kilometer.

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In Kirklareli suche ich dann völlig erschöpft nach einem Hotel. Zu erschöpft, um noch einen Wifi-Hotspot zu suchen und das günstigste Hotel heraus zu suchen. Nach ein paar Minuten stolpere ich neben der Hauptstraße über eines. Die Übernachtung kostet mich 15 €. Das ist noch knapp in meinem Budget. Vorausgesetzt, der Preis ändert sich über Nacht nicht…

 

 

Datum: 28. August 2015

9 Kommentare

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  • Lieber Samuel, du schreibst echt super, es ist sehr interessant. Deine Wortr über die Flüchtlinge und Griechenland haben mich nachdenklich gemacht. Wir haben es so gut, das sollten wir viel mehr wertschätzen! Genieße die Zeit deiner Reise, so viel Freiheit!
    Bis vielleicht in Thailand, alles Liebe
    Amelie

    • Hallo Amelie,

      erstmal schön, dass es dir gefällt.
      Das stimmt. Wir haben so viel und wissen es oft gar nicht. Wenn man einmal richtige Armut gesehen hat, sieht man das, was man hat ganz anders.

      LG Samuel

  • Hallo Samuel. Danke für deinen spannenden Bericht, ich freue mich auf die nächsten.
    Wie geht es dir, physisch und psychisch?
    Liebe Grüsse aus (momentan) Portugal.
    Hans-Ueli Kohler

    • Hallo Hans-Ueli

      Psychisch ist es zurzeit ein bergauf und bergab. Mal fahre ich voller Freude, mal unglaublich betrübt. Dass es manchmal bergab geht, liegt vielleicht daran, dass ich kein wirkliches Ziel mehr habe, seit ich von Istanbul weiter gefahren bin. Aber ich will das auch so. Ich glaube, ein Ziel (oder ein Sinn) wäre nur ein mentales Gerüst. Außerdem liegt noch ein großes Stück Unsicherheit vor mir, da ich noch nicht genau weiß, wie es nach Trabzon weiter geht. Das hängt vor allem vom Visaprozess ab. Immer mal wieder gelingt es mir dann, einfach nur im Moment zu sein und die Gedanken zu beobachten, wie sie kommen und gehen. Und physisch fällt und steigt alles mit der Psyche. Und mein Tacho ist kaputt gegangen, ich fahre also gerade ein bisschen im Dunklen. Die Kilometer langen Aufstiege hier hinten in der Türkei machen auch ein bisschen zu schaffen.

      Liebe Grüße und viel Spaß noch in Portugal

      Samuel

      • Hallo Samuel
        Nun sind wir zurück aus Portugal. Ich freue mich immer, deine Berichte zu lesen, weil vielleicht damit meine eigene Sehnsucht nach Fremder Welt und Reisen befriedigt wird.
        Dass du eine solche Reise unternommen hast finde ich sehr mutig und zeugt von starker Persönlichkeit. Dass man von Ungewissheit und Zweifel geplagt wird ist normal und ist nicht zuletzt eine Reaktion des eigenen Ich, um wachsam und überlegen zu bleiben. Es ist ein Strategie zum Überleben.
        Ich kann deinen Bammel, beim Abschied nehmen verstehen. “Chaque départ est un peu mourir” schrieb Antoine de St. Exupéry im “Petit Prince”. Es ist wie ein Verlassen der “Komfort Zone”, einen Sprung ins Ungewisse. Ich bewundere dich, wie du zu Gunsten deines Zieles, diese psychischen Barieren überwindest.
        Ich wünsche dir alles Gute auf deiner Weiterreise.
        Liebe Grüsse aus der Schweiz
        Hans-Ueli Kohler

  • Hallo Samuel,

    mittlerweile lese ich mit wachsender Begeisterung Deine Reisebericht im Blog. Eigentlich fehlen mir die richtigen Worte, denn was Du schreibst, geht für mich weit über einen Reisebericht hinaus. Du beschreibst die Welt aus Deiner Sicht und lässt die Besucher – oder sollte ich besser schreiben – Begleiter an Deinen Gedanken und Empfindungen teilhaben. So sehr, dass ich als “Erwachsener” über die Worte eine jungen Mannes immer wieder zum Nachdenken angeregt werde. Gerade Deine Worte über die Situation der Flüchtlinge und in Griechenland riefen bei mir ein beklemmendes Gefühl und eine Gänsehaut hervor.

    Wenn meine Umwelt manchmal über die “Jugend von heute” lamentiert, behaupte ich immer wieder, dass die jungen Menschen heutzutage bei weitem nicht so sind, wie immer wieder behauptet wird. Für mich bist Du ein erneuter lebender Beweis, dass es auch heute junge Menschen gibt, deren Horizont viel weiter ist, als der von uns “Erwachsenen”!

    Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute auf Deiner Reise!

    • Hallo Ernst,

      vielen Dank für all deine Kommentare, das freut mich! Freut mich auch, dass ich dich so auf meine Reise mitnehmen kann.

      Ich kann dir da recht geben. Es gibt tiefgründige und oberflächliche Menschen in allen Altersgruppen. Ich selbst habe noch viele Freunde, die so sind. 🙂

      Schöne Grüße

      Samuel

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