Als ich am nächsten Morgen aufwache, wabern Nebelschwaden über die Hänge und die Temperatur ist etwas gesunken. Für den Anfang geht es erstmal 10 Kilometer bergab.

Nebel Gebirge Serbien

Nahe der Grenze, in der Stadt Pirot angekommen, mache ich erst einmal eine kurze Pause. Um kein Geld zu verlieren, versuche ich noch, meine letzten Dinar auszugeben und lade mein Rad randvoll mit Proviant. Danach nehme ich noch ein zweites Frühstück ein und fahre weiter Richtung Grenze. Wie sich heraus stellt, ist die Straße zur Grenze recht stark befahren, aber Gott sei Dank vor allem in meine entgegengesetzte Richtung.

Trotzdem wird es an einer Stelle gefährlich. Die Straße ist recht eng und einem BMW kann es nicht schnell genug gehen. Obwohl er mich sieht, startet er ein Überholmanöver. Als er auf mich zu rast, realisiere ich, dass nicht genug Platzt für uns beide auf der Straße ist. Ab in den Straßengraben! Als ich wieder herauskomme ist der BMW schon weit weg. Was ein A****.

An der Grenze angekommen, ziehe ich alle Blicke auf mich. Nicht verwunderlich, da ich der einzige Radfahrer unter den ganzen Autos bin. Vor allem aus einem Bus mit älteren Herrschaften gucken mir zahlreiche, ungläubige Augen entgegen. Ich glaube, dass vor allem mein junges Alter bei ihnen für Verwunderung gesorgt hat.

Grenze Bulgarien

Ein Schild nach dem Grenzübergang Kalotina. So weit scheint es nicht mehr zu sein, bis nach Asien:

Bulgarien Schild Grenze

Nach dem Grenzübergang geht es erst einmal wieder Kilometer um Kilometer bergauf. Als ich mich auf fast 800 Meter heraufgemüht habe, ist es schon später Nachmittag. Bis nach Sofia sind es noch gute 30 Kilometer.

Außer Schnellstraße habe ich bis jetzt von Bulgarien noch nicht viel gesehen. Da kommt es mir gerade recht, dass meine Route in die erste, etwas größere Stadt nach der Grenze abbiegt. Am Rande dieser Stadt betrete ich ein Viertel, in dem ausschließlich dunkelhäutige Menschen wohnen. Das Viertel ist arg heruntergekommen und mir kommen die ganze Zeit über Kinder entgegen, die am Rauchen sind. Kinder, 8 – 15 Jahre alt! Ca. die Hälfte von ihnen hat eine Zigarette in der Hand! Das Ganze kommt mir total suspekt vor. Wie können die Eltern das befürworten? Als ich mir meinen Weg durch das Viertel suche, begleitet mich irgendwann ein kleiner Junge. Seine Kleider sind zwar zerrissen und sein Gesicht dreckverschmiert, trotzdem grinst er über beide Ohren und ruft dem Fremden fröhlich Dinge zu. Ich halte an und versuche ihm zu erklären, dass ich kein Bulgarisch spreche. Um mich beginnt sich eine kleine Gruppe an vier bis fünf Kindern zu sammeln. Anfangs sind sie noch recht freundlich und ich öle dem kleinen Jungen seine Fahrradkette. Das dreht sich aber schnell, als sie beginnen nach Geld zu fragen und ich ihnen keines gebe. Sie fangen an, an meinen Taschen zu zerren und versuchen sie herunterzureißen, doch glücklicherweise ist alles gut verschnürt. Trotzdem bringen sie es fertig, mir mein Kettenöl abzuluchsen. Zum Abschied schenke ich ihnen dann noch einen Riegel, um einfach das gewohnte Muster zu durchbrechen. Vielleicht hilft es ja etwas.

Später erfahre ich, dass sie wahrscheinlich zur Volksgruppe der Roma gehörten. In Bulgarien sind diese stark von Marginalisierung betroffen. Ich habe auch Bulgaren gesprochen, die sagen, dass viele Roma nicht arbeiten wollen und deswegen so arm sind. Was genau stimmt, weiß ich natürlich nicht.

Auf den letzten Kilometer vor Sofia kommt es dann zu einem Wolkenbruch, dem Stärksten bis dato. Bis Sofia sind es nur noch wenige Kilometer, in der Ferne kann ich es schon erblicken:

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Die paar Kilometer dürften ja nicht mehr lange dauern, oder? Denke ich mir auch. Deswegen mache ich mir keine Mühe mehr, mich regenfest einzukleiden. Wie sich herausstellt: ein Fehler. Ich verfahre mich total, unter anderem, weil ich das Touchpad meines Handys im Regen nicht mehr bedienen kann. Erst nach drei Stunden Irrfahrt komme ich total durchnässt und verfroren an.

Meine Warmshowers-Bleibe ist dafür super. Ich bin bei dem Radverleih „Sofia Bike“ untergekommen. Die Leute, die dort arbeiten sind total nett und hilfsbereit. Während ich in Sofia bleibe helfen sie mir, mein Rad zu warten und waschen es. Einfach klasse!

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Ich bleibe für vier Tage in Sofia. Die Zeit nutze ich vor allem dazu, mein Rad zu fixen und meinen Blog upzudaten. Zu einer Stadtbesichtigung komme ich nicht, aber darauf hatte ich eh nicht so viel Lust. Am Tag meiner Abreise aus Sofia komme ich erst um 14:00 los. Deswegen schaffe ich auch nur 47 Kilometer bis zum Abend, damit ist das der bis jetzt kürzerste Tag der Tour.

Die nächsten Tage verlaufen recht monoton. Der zweite Tag nach meiner Abreise führt mich noch durch bewaldete Berge, danach geht die Strecke mehr in eine Ebene über. Irgendwo tief in Bulgarien weiß man mich auch endlich mal zu würdigen. So habe ich mir das vorgestellt. (Ich bin 1996 geboren.)

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Am Abend schlage ich immer mein Zelt, irgendwo gut versteckt, in kleinen Waldstücken auf. Am vierten Tag habe ich gerade mein Zelt neben einem Feld aufgebaut, da höre ich auf einmal, wie sich ein Traktor nähert. Wäre ich in Deutschland müsste ich mir jetzt wahrscheinlich einen neuen Platz zum Campen suchen. Der bulgarische Bauer gibt mir jedoch zu verstehen, dass ich hier problemlos und in aller Ruhe campen kann. Super!

Einen ruhigen Schlaf brauche ich auch, denn morgen geht es für mich in die Türkei. Ich bin schon gespannt.

Datum: 20. August 2015 - 27. August 2015

4 Kommentare

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  • Da hast du ja nochmal Glück gehabt, das die Kinder dir nur dein Kettenöl abgeluchst haben :D. Die Roma werden kaum in die Geselschaft integriert und haben keine Chancen Arbeit zu finden und somit bleiben sie von Generation zu Generation arm :/. In der Türkei begibst du dich ja jetzt wieder in eine neue Kultur. Freue mich schon auf die Blogeinträge von deinen zukünftigen Erfahrungen.
    Grüße
    Tim

    • Ja, stimmt. Ich habe schon vor Augen gehabt, wie mein ganzes Hab und Gut in verschiedene Richtungen davongetragen wird. 😀
      Das kann gut sein mit den Roma, ich glaube nicht, dass die Meinung der Bulgaren so stimmt.
      Die Türkei ist nochmal ganz anders als der Rest, den ich bis jetzt erlebt habe. Aber bald kommt mehr. 😉

      LG Samuel

  • Hallo Samuel,

    ich habe zwar erst etwas später „zugeschaltet“. Habe aber inzwischen alle Reiseberichte mit großem Interesse und Respekt gelesen. Bald tauchst du ja in einen neuen Kontinent ein und bin schon ganz gespannt, was du da so erlebst. Pass weiterhin auf dich auf und genieße die vielen Erfahrungen und Abenteuer.
    Viele Grüße aus der Heimat
    Uwe Favero

    • Hallo Herr Favero,

      schön, dass sie mitlesen! Das stimmt. Morgen geht es für mich aus Istanbul in den asiatischen Teil der Türkei. Ich bin auch schon recht gespannt, was noch kommt.

      Beste Grüße
      Samuel

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