Nachdem ich mich von Carlos getrennt habe, geht es noch ein paar Kilometer weiter. Gegen Abend, erreiche ich eine kleine Stadt. Da sie auf mich einen eher trostlosen Eindruck macht, passiere ich sie nur, doch auf dem Weg hinaus werde ich von einem Auto gestoppt. Das Fenster wird herunter gelassen und mir schauen zwei ungläubige Augenpaare entgegen. Wo ich denn zu so später Stunde noch hin will, ist die erste Frage.

Auf meine Antwort, ich suche gerade einen Schlafplatz, winkt einer der beiden sofort energisch und meint ich solle dem Auto folgen, ich schliefe heute bei ihm. Gesagt, getan. Es geht erst quer durch die Stadt, dann über einen Hügel und schließlich erreichen wir ein alleinstehendes Haus irgendwo in der Pampa. Bedenken habe ich aber heute keine, da der Mann ersten seriöser aussieht und zweitens im unteren Stockwerk des Hauses eine Familie wohnt.

Er führt mich in seine Wohnung und die ist luxuriöser, als Vieles, was ich bis jetzt gesehen habe. Sogar europäische Toiletten gibt es. Die Toiletten in der Türkei und im Iran sind nämlich eine Sache für sich. Dabei handelt es sich meist um Stehtoiletten, in etwa wie eine Wanne, die im Boden eingelassen wurde. Mit dazu gibt es ein paar Latschen, da der Boden meist dreckig ist und statt Klopapier gibt es diese herrliche Arschbrause. Wenn einem nicht schon davor die Latschen in die Toilette fallen oder das Klo verstopft, kann man sich mit dieser Brause theoretisch reinigen. In der Praxis sieht man danach wie ein nasser Pudel aus. Zu mindestens ergeht es mir so.

Doch genug der Toilettenphilosophiererei, mittlerweile hat mein Gastgeber mich auf sein Sofa gepflanzt und ein Omelett gekocht. Als er mir dieses serviert, entschuldigt er sich gar, dass er mir nichts Besseres zu bieten hat. Ich finde aber alleine schon die Tatsache, dass er mir etwas gekocht hat, total toll. Das sage ich auch und zaubere so ein Lächeln auf seinen Mund.

Da er sich überaus interessiert an meiner Reise zeigt, zeige ich ihm am Abend noch alle meine Photos. Irgendwann wird es dann aber spät und ich müde. Mein Bett erhält den Ehrenplatz direkt vor dem Gasheizer. Trotz glühenden Ohren und Backen kann ich so nach einer Weile tief und zufrieden einschlafen.

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Am nächsten Morgen würde mich mein Gastgeber am Liebsten da behalten, da es draußen über die Nacht stark abgekühlt hat und eiskalt ist. Deswegen schaut er mir auch etwas mitleidig nach, als ich schließlich aufbreche. Und auch ich denke kurze Zeit später, wie blöd ich doch eigentlich bin, hier in Eiseskälte zu fahren, wo ich doch auch schön im Warmen sitzen könnte. Aber die Eiseskälte bleibt nicht die einzige Unannehmlichkeit. Erst kommen noch Berge dazu und als ich mich endlich auf diese hoch gekämpft habe und auf die Abfahrt freue, bläst auf einmal ein so starker Wind, dass ich bergab sogar noch treten muss! Hallo!?! Da hat sich Petrus wohl mal wieder einen Scherz erlaubt.

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Zu mindestens kommt über Mittag die Sonne raus und ich kann ein Hörbuch von Eckhart Tolle hören. So purzeln dann doch ein paar Kilometer über den Tag. Aber lange nicht genug und gegen Abend befinde ich mich irgendwo im nirgendwo, hüglig und eiskalt ist es. Ich kann sogar Schnee auf einem Berg rechts von mir sehen. Schön, dass von dort der Wind kommt. Und diese verdammten LKWs könnten doch mal etwas mehr Rücksicht nehmen!

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Etwas grummelig geht es so durch die Einöde. Da pfeift auf einmal ein Wagen knapp an mir vorbei und hält schlitternd auf dem steinigen Seitenstreifen. Die Tür öffnet sich und heraus steigt ein mich fröhlich begrüßender Iraner. „Hello! Where do you go?“ Ich nenne mein für heute ursprünglich geplantes Ziel: Divandarreh. Er erklärt mir, dass das noch 30 Kilometer sind und es kalt ist. Kalt? Echt? Doch dann meint er, er sei aus Divandarreh und ich solle mein Fahrrad doch in sein Auto laden.

In dieses kleine Auto? Ich habe etwas Bedenken, aber da ich gerade auch keine bessere Idee habe, als heute Nacht in dieser Einöde zu erfrieren, stimme ich zu. Wir laden die Taschen in den Kofferraum, dann ist das Fahrrad dran. Gerade einmal bis zur Hälfte haben wir es im Auto, da steckt es das erste Mal fest.

Aber der Iraner lässt sich nicht entmutigen und so schieben wir es munter vor uns zurück, hin und her, ich schraube noch ein Rad ab und nach über einer halben Stunde haben wir das unmöglich scheinende geschafft. Es ist drin. Im Auto.

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So sitze ich schmunzelnd auf dem Beifahrersitz, da kommt die nächste Frage vom Iraner: „Where you asleep?“ Ich zucke mit den Schultern und antworte nur: „I don’t know yet.“, worauf hin mein neuer Freund meint „My home!“ Etwas überrascht, frage ich „Really?“ Darauf bekomme ich nur die schallende Antwort „I am Iranian!“ und ein dickes Grinsen. Er dreht fröhlich eine fremdartig klingende, iranische Musik auf und fängt an mitzusingen. So geht es die letzten 30 Kilometer über die hügelige Landschaft, bis wir schließlich sein Haus erreichen.

Er hat Frau und Baby und ich werde wärmstens empfangen. Ich bekomme einen Tee zu trinken, aber nicht allzu viel Zeit mich auszuruhen. Es geht nämlich kurz darauf weiter, zu einem Freund, der des Englischen mächtiger ist. Davor werde ich aber noch in eine kurdische Hose gekleidet und bei meinem neuen Anblick freut sich mein Gastgeber unglaublich.

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Mit seinem Freund fahren wir dann am Abend zum Essen. Für die Beiden ist selbstverständlich, dass sie mich einladen. Genauso selbstverständlich, wie dass sie mir danach alle möglichen Früchte und weiteren Proviant kaufen. Ich finde das gar nicht so selbstverständlich und versuche, die Beiden auszubremsen. Jedoch mit wenig Erfolg.

Auch heute Nacht schlafe ich wieder in einem unglaublich warm geheizten Raum. Iraner scheinen wohl ein anderes Wärmeempfinden zu haben. Aber allemal besser als draußen in der Kälte. Und so verlasse ich Divandarreh am nächsten Morgen gut ausgeschlafen mit einem königlichen Frühstück im Magen und ordentlich Proviant in meinen Radtaschen.

2 Kommentare

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  • Hallo Samuel
    Ich freue mich immer ab deinen Berichten, und verfolge deinen Weg.
    Besonders freuen mich die Beschreibungen deiner Begegnungen. Damit leistest du einen Beitrag zum verstehen und zur Akzeptanz anderer Kulturen.
    Liebe Grüsse aus der nun kalten und regnerischen Schweiz.
    Hans-Ueli Kohler

    • Ja, auch bei mir sind Vorurteile gefallen, gerade bei solchen Begegnungen. Schön, dass das weiter gegeben werden kann.

      Liebe Grüße aus dem sommerlich warmen Dubai 😉

      Samuel

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