Am Morgen stehe ich auf, froh darüber, dass des Nachts kein Hungriger an meinem Zelt angeklopft hat. Ich packe alles zusammen und starte. Über den Tag geht es immer wieder bergauf und bergab. Bergauf und bergab. Jedoch werden Berge, bzw. Hügel einfacher. Der Schlüssel ist, nicht schon oben sein zu wollen und d’accord mit einer langsamen Geschwindigkeit zu sein. Aufmuntert ist, dass ich am Morgen noch von einem jungen Studenten zum Essen eingeladen werde. Super nett!

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So wird es langsam Vormittag, dann Nachmittag. Am Nachmittag geht es irgendwann immer langsamer voran, meine Beine fühlen sich auf einmal ganz müde an. Schon leichte Hügel werden wahnsinnig anstrengend. Ich weiß aber, dass das Ganze nur im Kopf ist. Das eigene Gehirn lässt einen das Gefühl der Müdigkeit empfinden.

Am Abend suche ich mir dann wieder einmal einen Zeltplatz. Heute ist das etwas herausfordernder, da ich gerade durch eine kilometerlange Schlucht fahre. Ich habe aber wieder einmal Glück und finde einen der besten Plätze bis dahin. Relativ weit oben, über dem ganzen Getöse der Autos und Lastwagen mit idyllischem Blick in die hügelige Landschaft.

Es bleibt aber nicht lange idyllisch. Irgendwann fliegen Kampfjets nah über meinem Kopf hinweg. Kampfjets? Spätestens als der erste Blitz in meinem Sichtbereich vom Himmel zuckt wird mir klar, das waren keine Kampfjets! Das ist ein Gewitter! Und ich sitze hier auf einem Berg! Mit einem Fahrrad! Aus Metall!

Ich springe auf, renne zu meinem Rad und werfe es fünfzehn Meter von meinem Zelt entfernt in ein Gebüsch. Falls ein Blitz einschlägt, verliere ich so nicht gleich alles. Dann krame ich noch meine Regenjacke und Kopflampe hervor, verriegele mein Zelt und hüpfe aufgeregt zur Seite, als ein Blitz krachend und viel zu nah einschlägt. Ich renne oder, besser, stolpere den Hang herunter. Die Lampe hätte ich mir sparen können. Ein Blitz nach dem anderen erhellt mir grell den Weg. Irgendwann finde ich eine Grube und werfe mich hinein. Achja, meine Taschenlampe noch. Die fliegt in hohem Bogen wieder aus der Grube raus, ist ja auch aus Metall. Dann geht das Getöse erst richtig los. Blitze zucken unaufhörlich vom Himmel, mal weit entfernt, mal ganz nah und das zuvor so idyllische Tal ist von einem Krachen und Brausen erfüllt. Und damit nicht genug. Ich sitze nicht lange in meiner Grube, da gesellt sich noch ein heftiger Regenschauer zu der Veranstaltung. Schwere, dicke Tropfen prasseln auf meinen Kopf und auch meine Regenjacke vermag mich irgendwann nicht mehr vor der Wasserflut zu schützen. Bipernd vor Kälte, harre ich so über eine Stunde in meiner Grube aus.

Gedanklich schweife ich ab. Was würde wohl die Zeitung titel? „19-Jähriger will mit dem Fahrrad um die Welt fahren, wird jedoch vom Blitz erschlagen?“ Mir entfährt ein glucksender Lacher. Also dafür hätte ich nicht auf Weltreise gehen müssen. Da kann ich mich auch zuhause in eine Grube setzten. Das dachte sich wohl auch das Gewitter und nach über einer Stunde ist es endlich vorbei. Ich krieche noch eine viertel Stunde auf dem Boden um die Grube herum, denn da sollte ja irgendwo meine Taschenlampe liegen. Mit ihrer Hilfe schaffe ich es dann, mein Zelt wieder zu finden und komme endlich wieder ins Trockene. Müde lasse ich mich in meinen Schlafsack sinken.

Am nächsten Tag suche ich eine Stadt auf, um etwas Essen zu besorgen. Als ich mir wieder meinen Weg nach draußen bahne, werde ich von drei Männern auf eine Tasse Cay eingeladen. Während wir uns unterhalten, passiert etwas, was noch nie zuvor in meinem Leben passiert ist. Ich werde älter geschätzt als ich bin. Auf 30. Ich weiß zwar nicht, wie das jetzt zustande kommt, denn 30 ist schon weit daneben. Früher wurde ich immer jünger eingeschätzt.

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Am Abend finde ich dann einen wirklich tollen Zeltplatz. Neben einem kleinen gluckernden Bach, schlage ich mein Zelt auf dem Bachbett auf. Hoffentlich habe ich heute etwas mehr Glück als gestern, ansonsten werde ich heute Nacht wahrscheinlich weggeschwemmt. Gottseidank ist dem nicht der Fall.

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Am nächsten Morgen nehme ich dann noch ein Bad im Bach. Ich weiß zwar nicht, ob der sauberer ist, aber, ehrlich gesagt, dreckiger als ich zu sein ist gerade sehr schwer. Danach geht es dann weiter Richtung Samsun. Das sind 70 Kilometer und 900 Höhenmeter Unterschied. Aber diesmal in die richtige Richtung, denn Samsun liegt am Schwarzen Meer. Und so lasse ich heute mal die Arbeit von der Schwerkraft übernehmen. Deswegen bin ich auch schon gegen Mittag in Samsun. Ich bahne mir meinen Weg durch die Straßen, um zum Meer zu kommen. Als ich dann an der Promenade entlang fahre treffe ich auf einmal einen anderen Radfahrer. Er spricht mich an und lädt mich auf ein Eis ein. Aber damit noch nicht genug. Als er erfährt, dass ich noch nicht weiß, wo ich heute schlafe, bietet er an, ich könne bei ihm schlafen. Wie sich herausstellt war er auch schon auf Radreise und wurde eingeladen. Nun will er etwas davon zurückgeben. Mit 22 ist er sogar fast so alt wie ich. Von seiner Mutter werden wir dann am Abend köstlichst bekocht. Ich traue meinen Augen kaum. Mir scheint es wie ein königliches Mahl. Das gleiche nochmal am Morgen.

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Heute ist ein islamischer Feiertag. Die Geschichte zu diesem Feiertag hörte sich für mich so ähnlich, wie die Geschichte in der Bibel an, bei der Abraham seinen Sohn opfern will, dann aber von Gott aufgehalten will. Stattdessen opfert er ein Schaf. Und genau das passiert auch an diesem Morgen. Vom Balkon kann ich mitverfolgen, wie erst ein Schaf und dann eine Kuh geopfert werden.

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Das ganze war etwas komisch mit anzugucken.

Ich hatte den restlichen Tag noch eine großartige Zeit mit Recep. Ich bin so froh, dass er mich am Strand aufgegriffen hat. Vielen Dank!

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Datum: 20. September 2015 - 24. September 2015

2 Kommentare

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  • Servus Samuel,

    liebe Grüße aus dem kalten Deutschland:
    Schnee in Füssen, 5°C in Augsburg!
    Ich weiß, warum du älter geschätzt wirst…du warst beim Friseur?! 🙂
    Mich würde noch interessieren, mit wieviel Schlaf du im Schnitt momentan zurecht kommst, kommen musst, wenn du abends nach einem sicheren Schlafplatz suchst und nicht das Glück hast, privat unterzukommen.
    Ich wünsche dir weiterhin viele nette Menschen, die dich bei deiner tollen Reise ein bißchen verwöhnen!

    Alles Gute
    Marion

    • Hallo Marion,

      das ist wirklich frisch! In den Hochebenen Georgiens war es ähnlich kalt, zumindestens am Morgen.
      Beim Friseur war ich das letzte Mal in Wien. 😀
      Normalerweise suche ich nach einem Schlafplatz zwischen 17:00 und 18:00, da um 18:30 zurzeit die Sonne untergeht. Schlafen gehe ich dann so zwischen 19:00 und 20:00 und wache meist um 06:00 wieder auf. Also ca. 10 Stunden. Damit fühle ich mich auch am Besten.

      Grüße

      Samuel

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