Idylle und Gastfreundschaft in der Türkei

Der Morgen des heutigen Tages beginnt in einem hübsch verzückenden Tal. Ein kleiner Bach schlängelt sich seinen Weg durch wilde und saftige Wiesen, rechts und links steigen die Hänge, bedeckt von dichten Nadelwäldern, in luftige Höhen. Das ganze bildet einen einzigartigen Kontrast zum Rest meiner bisherigen Tour in der Türkei, die eher von staubigen und trockenen Landstrichen geprägt war. Dieses Tal erinnert mich mehr an meine mitteleuropäische Heimat.

Ich beginne den Tag sogar zehn Kilometer weiter voraus, als geplant. Ich hatte mir gestern nämlich schon einen Zeltplatz gesucht, da wurden zwei Passanten von der Straße aus auf mich aufmerksam. War es noch ganz nett gewesen, dass sie rüber kamen und wir ein bisschen plauderten, wurde es etwas unangenehmer als sie merkten, dass mein Fahrrad von guter Qualität war und begannen, unnachgiebig nach dem Preis zu fragen. Dass einer der beiden mit einer Axt herumfuchtelte, machte die Beiden nicht gerade vertrauenserweckender. So bin ich gestern dann aus Vorsicht, doch noch zehn Kilometer weiter gefahren.

Der heutige Tag ist eine mentale Zerreißprobe. Nach dem Tal geht es erst zehn Kilometer, danach dann, nochmal steiler, acht Kilometer bergauf. Irgendwann am Vormittag kommt noch eine sengende Mittagshitze hinzu. Mein Tempo wird kriechend langsam, jede Pore arbeitet auf Hochdruck und der Kopf rebelliert, aber zum Glück ist auf die Beine noch verlass. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich nach einer gefühlten Ewigkeit dann endlich auf 1300 Metern ankomme. Von der Hitze ist mein Kopf ganz dizzelig. Deswegen mache ich erst einmal Pause in Gerde, der nächsten Stadt.

Gegen Abend befinde ich mich irgendwo im ländlichen Raum auf der Autobahn. Die Landschaft ist weit und offen, Bäume sind kaum vorhanden. Einen geschützten Zeltplatz zu finden, wird eine Herausforderung. Ich komme noch an einer Tankstelle vorbei und frage, ob sie Internet haben. Leider Fehlanzeige. Einer der Angestellten freut sich aber riesig über meine Anwesenheit. Eigentlich will ich auf und davon, um einen Zeltplatz zu suchen, doch er will mich einfach nicht gehen lassen. Irgendwann kann ich ihm mittels Zeichensprache vermitteln, dass es spät wird und ich noch einen Zeltplatz finden muss. Zelte doch einfach hier, ist darauf die Antwort. Er zeigt mir einen Platz neben dem Restaurant. Ich überlege kurz und komme zu dem Entschluss, dass das wohl die sinnvollste Option ist. Außerdem habe ich einen kleinen Hund entdeckt, der genau dort lebt. Ab und an wird er immer wieder vom Küchenchef gefüttert. So baue ich mein Zelt auf, freunde mich mit dem Hund an und esse noch im Restaurant zu Abend. Reis mit Kichererbsen gibt es. Danach lege ich mich schlafen. Der kleine Hund wacht aufmerksam über mich.

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Der nächste Tag verläuft ohne größere interessante Vorkommnisse. Ich fahre einfach auf der Autobahn durch trockene, hügelige Landschaften. Am Abend komme ich nach Kurşunlu. Freudig entdecke ich einen Brunnen. Sehr passend, da meine Wasservorräte stark zuneige gehen. Der Brunnen funktioniert jedoch nicht. Verzweifelt am Brunnen hantierend, werde ich von sechs Männern entdeckt, die gerade bei etwas Cay den Abend ausklingen lassen. Sie helfen mir aus und ich kann in der Bäckerei nebenan mein Wasser nachfüllen. Als ich wieder herauskomme, wird mir natürlich als erstes Cay angeboten. Eigentlich will ich ihn nicht annehmen, aus Angst nicht schlafen zu können. Das ist jedoch schwer zu vermitteln und so geselle ich mich mit einer Tasse zu ihnen. Wir kommen ins Gespräch und mir werden viele Fragen gestellt.

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Generell sind die häufigsten Fragen immer:

„Woher komme ich?“

„Wohin gehe ich?“

„Wie alt bin ich?“

„Was sagen meine Eltern dazu?“

„Bin ich allein unterwegs?“

„Habe ich keine Angst?“

„Was ist mein Beruf?“

„Wie teuer war mein Rad?“

 

Es wird später und später und ich frage irgendwann, ob es hier ein billiges Hotel gibt. Die Männer antworten darauf, ich solle doch einfach hier schlafen und zeigen auf die Couch auf der ich sitze. Als sie jedoch mitbekommen, dass ich ein Zelt habe, kommt einem der Männer eine bessere Idee. Er ist Angestellter, der benachbarten Tankstelle und hinter der Tankstelle gibt es eine kleine Wiese mit vier Apfelbäumen. Sogar Wifi-Empfang habe ich dort. Perfekt, hier bleibe ich! Doch damit nicht genug. Die Männer vor der Bäckerei bieten mir irgendwann sogar noch Abendessen an. Und als sich herausstellt, dass ich kein Fleisch esse, schneidet mir einer extra Gemüse auf und ich bekomme etwas Brot dazu. Wahnsinn!

Gegen Abend baue ich dann mein Zelt neben der Tankstelle auf. Es ist schon fast 9:00 und ich bin gerade dabei einzuschlafen, da klopft es an mein Zelt. Wer kommt den jetzt noch, zu so später Stund? Vielleicht der Chef und ich muss doch wo anders schlafen? Ich öffne mein Zelt und ein Schatten drückt mir eine Pide und eine Fanta in die Hand. Dann ist er auch schon wieder weg. Verdammt nochmal! Ich kann diese Gastfreundlichkeit manchmal einfach nicht fassen. Ich lasse es mir schmecken und trotz, dass ich satt bin esse ich komplett auf.

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Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass ich die nächtliche Mahlzeit dem Tankstellen Angestellten von gestern Abend zu verdanken haben. Zum Abschied drückt mir dieser auch noch zwei gefüllte Tüten an Süßigkeiten in die Hand. Zwei volle Tüten!

Ich schaue noch kurz bei meinen Bäckerfreunden vorbei und diese laden mich nochmal zu Cay und einer Semmel ein und geben mir zum Abschied noch ein Brot mit. So starte ich mit voll beladenem Fahrrad in den Tag.

Der heutige Tag bietet mir neben einem weiteren Stück Autobahn auch eine ländlicher Strecke. Auf der ländlicheren Strecke fühle ich mich wie ein kleines grünes Alien. Jeder glotzt mich an und ich habe manchmal schon Angst, den Bewohnern könnten die Augen rausfallen. Sie sind Fremde hier wohl kaum gewöhnt.

Landschaftlich zeigt sich die Türkei hier aber wieder von ihrer idyllischen Seite. Ich fahre an einem kühlen Fluss entlang, welcher gesäumt ist von, im Sonnenschein gold-gelb glänzenden, Getreidefeldern. Hin und wieder komme ich durch alte, verschlafene Dörfchen mit besagten Einwohnern. Die meisten Bewohner sind gerade dabei Getreide zu trocknen und so liegen breite Planen mit Getreide aus, auf denen die Frauen emsig und unermüdlich die Getreidekörnern in die Luft werfen.

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In einem dieser Dörfer bricht das Eis. Ein Bewohner, der etwas Englisch kann, spricht mich an und ich antworte auf viele Fragen. Neugierig kommen mehr und mehr Dorfbewohner und irgendwann ist der kleine Platz vor dem Lokal mit über 20 Männern gefüllt. Darunter auch einige sehr Alte, die von den Jungen mit großem Respekt behandelt werden und von ihnen anders gegrüßt werden. Sie schütteln erst die Hand des Älteren und berühren sie dann mit ihrer Stirn. Oder so ähnlich. Ich kann es mir auf jeden Fall nicht merken und hoffe, dass dies nicht als unhöflich aufgefasst wird. Nach einer Weile verabschiede ich mich, da ich noch einen Platz für die Nacht suchen muss.

Ich finde auch relativ bald einen, der gut geschützt ist. Bloß liegen überall haufenweise Knochen von toten Tieren herum. Wurden sie vielleicht von Bären oder Wölfen gerissen? Immerhin gibt es besagte Tiere in der Türkei. Ich hoffe einfach, dass sich meine Knochen morgen nicht dazu gesellt haben.

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Photostrecke:

 

Datum: 17. September 2015 - 19. September 2015

10 Comments on “Idylle und Gastfreundschaft in der Türkei

  1. Du schreibst richtig mitreissend. Bin sehr gespannt wie es weitergeht.
    Zünde für dich oft ein Kerzlein an, damit alles gut geht, du netten Menschen
    begegnest und einen sicheren Schlafplatz findest.

    • Vielen Dank! Ich finde das unglaublich nett mit den Kerzen. Danke. 🙂

      Beste Grüße

      Samuel

  2. Deine Berichte sind wirklich spannend und deine Fotos sehr schön aussagekräftig. Wir freuen uns auf jede weitere Etappe und drücken dir die Daumen, dass alles so relativ unbeschwert weitergeht. Bei etlichen Nachtquartieren haben wir uns gefragt, ob wir uns das auch getraut hätten – Respekt auch für das Überwinden mentaler Schwierigkeiten (von Müdigkeit bis Einsamkeit).
    Wir drücken ganz fest die Daumen
    Christian Saling
    P.S. Du schreibst von etlichen Autobahnkilometern mit dem Fahrrad – wie kann man sich das verkehrstechnisch vorstellen, abgesehen von dürfen oder nicht? Interessant auch deine Route zu verfolgen – Nimmst du Georgien mit oder bleibst du in der Türkei bis zur iranischen Grenze?

    • Hallo Herr Saling,

      das mit den Autobahnen ist in etwa so wie bei uns, bloß etwas weniger Verkehr in vielen Regionen vielleicht. Ich fahre die ganze Zeit auf dem Pannenstreifen, bloß in Tunnels muss ich auf die Fahrbahn wechseln. Und es ist irgendwie etwas anders als in Deutschland. Mir sind auf dem Pannenstreifen schon Autos und Tracktoren entgegen gekommen. Also in die falsche Fahrtrichtung. 😀 Dürfen dürfte auch kein Problem sein, die Polizei hat mal nichst gesagt. Ich fahre ehrlich gesagt auch ganz gerne auf der Autobahn, da ist es nicht so anstrengend ist, da ebener und gut geteert.
      Ich habe mich entschieden Georgien und Armenien mitzunehemen, in letzter Zeit war es nicht ganz sicher ob Iran die Grenze zur Türkei geschlossen hatte, wegen dem Konflikt. Ist aber wohl doch offen.
      Apropos Straßen: in Georgien habe ich mich schon öfters wieder auf die türkischen Autobahnen zurückgesehnt. 😀 Aber da kommt bald mehr in einem der nächsten Blogartikeln.

      Beste Grüße
      Samuel

  3. Ich finde es gut das du so viele Bilder hochlädst. Dann bekommt man einen besseren Eindruck von deinen Erlebnissen 😀
    Grüße
    Tim

    • Danke, manchmal habe ich wirklich viele gute Aufnahmen. Ich versuche das öfters mal einzubauen.

      LG Samuel

  4. Hallo Samuel,
    ganz herzliche Grüße aus Deutschland von Carola und Christof mit dem Tandem.
    Ich habe endlich einmal die Berichte deines Blogs durchgelesen, du schreibst wirklich toll, und beneide und bewundere dich wie weit du schon gekommen bist und was du alles erlebt hast. Wir sind, nachdem wir am Schwarzen Meer angekommen waren, noch nach Transsilvanien gefahren, inzwischen aber auch schon wieder eine Weile daheim und in der „Arbeitstretmühle“. Wenn man dann während eines Notdienstes deinen Blog liest bekommt man seeeehr große Lust wieder im Sattel zu sitzen.
    Für dich alles Gute weiterhin viel Spaß und viele schöne Begegnungen. Ich werde mich bemühen mich immer mal wieder zu melden.
    Carola

    • Hallo Carola,

      schön von euch zu hören! Der Tag, den wir zusammen gefahren sind, hat mir wirklich viel Spaß gemacht.
      Schön, dass dir gefällt, was ich schreibe und ich freue mich, wenn du dich wieder meldest.

      Liebe Grüße

      Samuel

  5. Hi Samuel,

    Hab grade einige deiner letzten Beiträge in einem Rutsch quasi verschlungen, du schreibst wie in einem Roman, liest sich sehr leicht, voll gut! 🙂 hoffe, dir geht’s gut!

    • Hi Franzi,

      danke, das freut mich voll. 🙂 Mir geht’s gut, hoffe dir auch!

      LG Samuel

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