Das Ende einer langen Reise

Mit meiner Rückkehr in Thailand schließt sich ein Kreis und es endet das Kapitel Südostasien. Nun stehe ich vor der Entscheidung, was tun? Weiter machen oder aufhören?

Für mich ist dies eine ganz reale Frage, da ich mir meine Planung immer gerne offen hielt, um so nach Herzenslust eine Wahl treffen zu können. Eine spontane, intuitive Entscheidung ist für mich quasi das Ideal, auch wenn ich während dem Radeln oft über allerlei Ideen zum weiteren Verlauf der Reise gegrübelt habe.

Was ist nun meine Entscheidung? Als ich aus Thailand aufgebrochen bin, schrieb ich noch von einer finalen Strecke in Südwesteuropa. Das hatte ich aber bereits in Kambodscha über den Haufen geworfen. Ich realisierte dort, dass ich einen kleinen Traum, nämlich Afrika zu beradeln, ja in der Tat noch auf dieser Tour umsetzen könnte.

Schnell lag auch eine Streckenplanung vor. Von Tansania sollte es über Sambia, Simbabwe und Botsuana nach Namibia gehen. Eine Ost-West-Durchquerung sozusagen. Viele würden dies als zu gefährlich abtun. In der Tat ist Afrika kein einfaches Reiseland mit dem Fahrrad, aber die zu erwartenden Schwierigkeiten liegen alle im Bereich des Machbaren.

Ich vertraue in solchen Fragen immer gerne auf die Erfahrungen anderer Reiseradler, die genau das gemacht haben. Und hier ist der einstimmige Tonus, dass Afrika ein wunderschöner Kontinent ist, der zwar schwieriger als der Rest, aber nicht übermäßig gefährlich ist, wenn man sich von Krisenregionen fern hält. Die meisten Menschen dort sind sehr warmherzig und es sterben statistisch mehr Menschen durch Ertrinken als Verdursten in der Wüste. Mit Vorsicht und Kenntnis der Gefahren sollte man sich aus größeren Problemen raushalten können, so meine Meinung. Bis Laos war ich deswegen fest entschlossen, der Tour einen würdigen Abschluss in den Steppen Afrikas zu geben.

Einige Wochen später hatte ich aber eine andere Idee. Als ich mal wieder an den Traum Afrika dachte, kam mir ein Zweiter in den Sinn. Ein besonderes Retreat in den USA. Und das könnte ich ja eigentlich auch wirklich machen!? Wie bei Afrika dachte ich anfangs, es sei zu groß um es anzupacken und umzusetzen. Und wie bei Afrika realisierte ich, dass es eben nicht so ist.

Nach einem längeren hin und her, zog ich schließlich das Retreat Afrika vor. Das lag daran, dass das Radreisen einfach geworden war. Ich bin nun schon so lange durch aller Herren Länder unterwegs, dass ich das Reisen mit dem Rad gemeistert habe. Damit ist ein weiteres persönliches Wachstum zur Stagnation verdammt. Afrika wäre zwar nochmals eine Herausforderung, aber irgendwann letztlich auch wieder mehr vom gleichen.

Das Retreat hingegen verspricht das größere, potentielle Wachstum. Ob es mir tatsächlich irgendetwas bringen wird, weiß ich natürlich nicht. High risk – high (possible) reward. Wer sich aber einmal mit Bewusstseinsarbeit auseinander gesetzt hat, kann die Entscheidung vielleicht etwas besser verstehen. Dieses Thema ist mittlerweile zu meiner größten Leidenschaft geworden. Bei dem Retreat handelt es sich um eine Art Meditationsretreat, bloß steht nicht Meditation, sondern Selbstinvestigation im Vordergrund. Kurz und kompliziert: Man versucht quasi festzustellen, dass es einen selbst nicht gibt. Ich lasse dieses verrückt klingende Statement so stehen, da eine weitere Ausführung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. 😉

Diese Entscheidung ist natürlich auch eine Entscheidung zur Ende der Radtour. Ich bin unglaublich froh um jeden Meter, den ich gefahren bin. Oft habe ich bereits darüber nachgedacht, was diese Reise mit mir persönlich gemacht haben könnte. Ich kann auf jeden Fall ein Plus in Selbstbewusstsein verzeichnen. Das ist eine der offensichtlichsten Veränderungen für mich. Dann habe ich einiges an Erfahrung und vor allem eine andere Perspektive auf die Dinge gewonnen. Dazu kommt eine Freiheit im Denken und ganz wichtig Ausdauer. Ich meine nicht nur körperliche Ausdauer, sondern auch nochmals mehr im Geiste. Würde ich nochmal mein Abi machen und vor der Entscheidung stehen „Was tun?“, ich würde wieder mit dem Rad aufbrechen, keine Frage!

Aber zurück zu den praktischen Angelegenheiten. Mein erster Antrag für das USA-Visum wurde in Bangkok abgelehnt. Ich sollte es zuhause beantragen, so war die Aussage. Nun gut, da wäre ich so oder so hingekommen und so ging es am 11. September 2016 dann zurück. Zurück in die Heimat.

Und was soll ich sagen? Wieder zuhause zu sein, in der bekannten Umgebung, im guten, alten Deutschland. Hach… es war einfach nur furchtbar. Als ich hierher zurückkam, erlitt ich den größten Kulturschock der ganzen Reise. Es fing damit an, dass ich plötzlich einen jeden verstand und so anfangs alles mitbekam, was geredet wurde, bis ich es irgendwann ausgeblendet habe. Und dann war da noch diese dröge, langweilige Ordnung Deutschlands. Nach der Unordnung mancher Länder Asiens ging mir das Chaos mehr als nur ab. Das Ganze ist schwer beschreiblich, aber ich habe mich anfangs wie ein Fremdkörper in viel zu geregelten Umwelt empfunden. Am liebsten wäre ich wieder weg.

Gottseidank ging aber auch das vorbei und nach ein paar Tagen kehrte Normalität ein. Das US-Visum erhielt ich erfolgreich im Konsulat in München und so startete ich etwa eine Woche nach Ankunft die letzte Etappe der Tour: München – Füssen.

Aus dem Flieger nach München ist die Donau ganz weit unten zu erkennen. Eine schöne Erinnerung an Geschafftes:

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Auf deutschem Grund erwartet mich deutsche Ordnung:

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Vertraute Anblicke lassen nicht lange auf sich warten:

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Die Waldstücke sind ein Genuss:

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Ein paar Aufnahmen von oben:

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Bereits 80 Kilometer geschafft!

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Der erste Blick auf den Säuling!

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Eine letzte Versuchung auf der Zieletappe! („Radlertankstelle“ steht auf dem Schild)

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Auf den letzten Kilometern bricht noch die Sonne durch die Wolken.

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Wir haben es hier ja schon wirklich schön!

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110 Kilometer ging es so zurück an den Ort, den ich vor eineinviertel Jahren verlassen hatte. Ich konnte das letzte Stück noch einmal richtig genießen, die Temperatur war mit 27° vergleichsweise niedrig und auf den Nebenstraßen war wenig los. Meine Familie wusste bis zu meiner Ankunft noch nichts von ihrem Glück und so war die Überraschung, und kurz darauf auch die Freude, umso größer.

Eine kleine Anekdote: Um die Ankunft noch lustiger zu gestalten, stellt ich mich ganz still auf die Terrasse und wartete bis mich jemand bemerken würde. Meine Mutter hatte so überhaupt nicht mit mir gerechnet, dass sie anfangs annahm einen Geist zu sehen. Erst als sie die Terrassentür öffnete und sich überzeugen konnte, dass ich aus Fleisch und Blut war, weichte ihr ungläubiger Blick.

Und wie ist es nun zuhause? Letztlich ist zurück zu sein auch normaler als gedacht, das kann ich sagen. Man lebt sich relativ schnell in alles ein, ganz wie in der Fremde. Und bald bin ich ja auch schon wieder weg. Dann mit Ziel Amerika.

14 Comments on “Das Ende einer langen Reise

  1. Hallo Samuel,

    mit ziemlich großer Überraschung habe ich Deinen neuen Artikel und Dein neues Video gesehen. Da ich alle Deine Artikel im Blog und alle Videos gesehen habe, habe ich mich zugegebenermaßen schon sehr daran gewöhnt, dir beim Reisen zuzuschauen (sogar Frau und Kind kennen Dich schon).

    Sowohl Deine Texte als auch Deine Videos habe ich immer sehr genossen und mich an Deinen Erlebnissen und an den wunderschönen Bildern sehr erfreut. Ich muss zugeben, ich bin von Deinem Mut sehr motiviert worden, vielleicht eine ähnliche Tour in Angriff zu nehmen.

    Natürlich ist es etwas leichter, wenn man ohne große Verpflichtungen direkt nach der Schule los zieht. Diese Entscheidung war eine sehr gute Entscheidung von Dir gewesen. Und da du ja immer sehr in dich hinein hörst, wird vermutlich auch diese Entscheidung jetzt eine gute und richtige Entscheidung sein.

    Ich danke dir für all die wunderschönen Bilder und die vielen Einsichten in dein Radfahrer-Leben. Ich hoffe sehr, deine Radtouren werden hiermit nicht zu Ende sein. Du hast ein großes Talent dafür, Land und Leute auf deine eigene Art zu präsentieren.

    Ich drücke Dir die Daumen für alle Deine Wege in der Zukunft.

    Viele Grüße aus der Südpfalz

    • Vielen Dank für die netten Worte! Das freut mich wirklich. 🙂 Setze es auf jeden Fall um, wenn du Lust hast. Es lohnt sich alle mal und es muss ja auch nicht unbedingt so lang sein. Es gibt so viele schöne Länder zu erkunden.
      Lust zum Radeln habe ich allemal, ich denke, dass ich irgendwann wieder mal aufbrechen werde. Neben Afrika vielleicht auch etwas kleineres, Nordosteuropa und Russland fände ich noch sehr interessant.

      Schöne Grüße
      Samuel

  2. Hey, ich habe deine Reise aktiv bei Youtube verfolgt. Diese Webseite werde ich aber auch noch komplett lesen. RESPEKT an dich! Ich bin gespannt auf deine USA Reise(du berichtest doch, oder? 😉 )

    • Danke! Eigentlich hatte es nicht geplant, aber es haben jetzt schon mehr gefragt, dann denke ich, dass ich etwas schreiben werde. 🙂

      Samuel

  3. Hi,
    konntest du für das Visa das US Visa Waiver Programm nutzen (frage wegen Iran-Eintrag) oder musstest du ein „richtiges“ Visum beantragen?
    Weiter so!

    Gruß
    René

    • Hallo Rene,

      ich konnte nicht das Waiver Programm nutzen und musste ein normales Visum beantragen. Seit 2011 kann man nur mit einem normalen Visum einreisen, wenn man in den letzten Jahren im Iran war.

      Schöne Grüße
      Samuel

  4. Hallo Samuel.
    Immer wenn ich einige Tage nichts von dir gehört habe, hatte ich Angst es wäre dir etwas zugestossen. Nun bin ich heilfroh, dass du wohlbehalten zuhause angekommen bist. Es ist wohl mein Vaterherz…
    Du hast grosses vollbracht und damit meine ich nicht nur die körperliche Leistung sondern mehr noch die mentale. Gratulation!
    Vieleicht magst du dich an mich erinnern, wir ware zu dritt an der Donau und haben wärend du im Laden Proviant gekauft hast, dein Rad bewacht. Auf unsere Frage wohin es denn gehen soll, hast du mit einer Selbstverständlichkeit gesagt, nach Tailand. Ich war erstaunt und auch etwas neidisch.
    Nun wünsche ich dir für deine Zukunft alles Gute und ich hoffe dann und wann etwas von dir zu hören.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz.
    Hans-Ueli

    • Hallo Hans-Ueli,

      vielen, vielen Dank dir! Ich kann mich noch gut erinnern, als ich dich getroffen habe. Schön, dass du bis zum Ende mit gelesen hast, deine Kommentare haben mich immer wieder gefreut! 🙂

      Liebe Grüße
      Samuel

  5. Zum Glück habe ich mich an die Seite erinnert und endlich Zeit gefunden, nach dem letzten Eintrag zu schauen. So schwer war es ja, wieder in Deutschland zu sein, dass Du in Schwabsoien dabei warst in Richtung Landsberg zu fahren, als Dich meine Frau und Ich auf einem Spaziergang beim Navi studieren vorfanden und fragten wo Du herkommst, und baß erstaunt waren, als wir „von Thailand“ hörten.
    Aber da ich lese, dass die nächste Tour ein Retreat in USA sein wird, möchte ich Dir, als Selbsterfahrungserfahrener, aber vor allem auch als Quäker, zu dem Entschluss herzlich gratulieren. Jeder Übungsweg ist eine wichtige Quelle der Selbstfindung, des Glücks im Sinne Camus, also „der einfache Einklang eines Menschen mit dem Leben, das er führt“, und der Ertüchtigung zum Leben.
    Die Stille der Quäker, die Du bei der Gelegenheit vielleicht auch wirst kennen lernen können, denn es gibt viele Quäker in den USA, ist auch ein Übungsweg für meine Frau und mich seit fast genau 50 Jahren, als wir in Genf Mitglieder der Religiösene Gesellschaft der Freunde (Quäker) geworden sind.
    Also viel Freude und Erfolg bei der Selbst-und Sinnfindung, und viel Licht und Klarheit für den weiteren Lebensweg, wünschen die letzten „Wegweiser“ deiner Rückkehr nach Füssen!
    Maurice de Coulon mit Elisabeth

    • Hallo Maurice de Coulon,

      schön, dass ihr euren Weg auf den Blog gefunden habt! Danke für die netten Wünsche. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich euch getroffen habe.
      Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nicht von den Quäkern gehört habe. Das wo ich war, kam aus der Richtung Zen, zumindest etwas. 🙂

      Ganz netten Gruß an dich und auch deine Frau!
      Samuel

  6. Hallo Samuel,
    deine Reisevideos sind toll. Ich sehe sie gern. Du hast sie professionell gestaltet und bist weder ein Angeber noch leichtsining auf Tour. Jederzeit alles Gute und genug Luft auf den Reifen.
    Viele Grüße aus dem Norden Deutschlands
    Dirk

    • Hallo Dirk,
      es freut mich, dass sie dir gefallen! Dir auch alles Gute.
      Schöne Grüße
      Samuel

  7. Hallo Samuel,
    es ist schon eine Weile her dass wir uns an der Donau getroffen haben. Wir mit dem Tandem auf dem Weg zum Schwarzen Meer und du unterwegs zu deiner großen Tour. Deinen Blog haben wir mit Spannung verfolgt und deine tollen Videos genossen. Ich muss gestehen, deine Einträge fehlen mir etwas.
    Unsere Rad Touren haben uns seitdem durch Großbritannien bis zu den Orkney Inseln geführt und dieses Jahr geht es durch Polen, nach Kaliningrad, durch Litauen, Lettland und Estland und über die Grenze nach Russland bis nach St. Petersburg. Allein das Visum war schon ein Abenteuer und auf den Rest sind wir sehr gespannt.
    Wir wünschen dir alles Gute und es wäre schön wieder etwas von dir zu lesen.
    Ganz liebe Grüße von Carola und Christof mit dem Tandem

    • Hallo ihr Beiden,

      es ist schön von euch zu hören, ich kann mich noch gut an euch erinnern. Eure kommende Tour klingt ja sehr spannend, Osteuropa und ganz besonders auch Russland würden mich auch sehr reizen. Zu lesen gibt es hier vielleicht wieder etwas, wenn ich mich dazu entscheide eine weitere Tour zu machen (vielleicht Afrika), ansonsten ist der Blog aber nur für Radreisen. Auf meinem YouTube-Kanal wird es ab Mitte November wahrscheinlich wieder Videos geben, wenn ich aus den USA zurückkomme, dann aber auch über andere Themen als Radreisen. So ist es zumindest vorgesehen. Ganz viel Spaß auf eurer Tour!

      Schreibt mir doch einmal, wie eure nächste Tour war!
      Liebe Grüße
      Samuel

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